Wer waren die Hugenotten, warum mussten sie fliehen, und was verband sie mit der Mark Brandenburg? Ein Hintergrund zu den Wurzeln unserer Familie – und zu einem der folgenreichsten Integrationsvorgänge der deutschen Geschichte.

Wer waren die Hugenotten?

Hugenottenkreuz
Das Hugenottenkreuz – identitätsstiftendes Zeichen der Réfugiés seit dem 17. Jahrhundert.

Die Hugenotten waren die französischen Anhänger der reformierten Kirche – also Calvinisten. Ihre Theologie unterschied sich deutlich von der rein römisch-katholischen Lehre, aber auch vom Luthertum: Der Glaube an die doppelte Prädestination, die strenge Orientierung an der Bibel, die Ablehnung von Heiligenverehrung und kirchlicher Hierarchie machten sie zu einer eigenständigen Konfession mit klaren Konturen.

Der Name Hugenotten taucht ab etwa 1560 in Frankreich auf. Seine Herkunft ist bis heute umstritten. Am häufigsten wird eine Herleitung aus dem Deutschen vermutet – vom Wort Eidgenossen, aus den ersten Schweizer Reformierten. Andere Theorien führen den Begriff auf einen Kirchturm in Tours zurück, an dem sich die Reformierten angeblich nachts zur Messe trafen.

Zeitweise stellten die Hugenotten rund zehn Prozent der französischen Bevölkerung – darunter viele Adlige, Kaufleute und Handwerker. Ihre wirtschaftliche Bedeutung war damit deutlich größer als ihr Anteil an der Bevölkerung vermuten ließe.

Der Hennegau – Herkunft unserer Familie

Historische Karte des Hennegau
Der Hennegau im 17. Jahrhundert – Teil der spanischen Niederlande, heute im südlichen Belgien.

Unsere Familie stammt aus dem Hennegau – einer Region, die heute zum südlichen Belgien gehört und damals Teil der spanischen Niederlande war. Die Hauptstadt der Grafschaft ist Mons, deutsch Bergen.

Der Hennegau lag im 17. Jahrhundert geografisch und politisch zwischen den Konfessionen: katholisch unter spanischer Krone, aber dicht an der französischen Grenze und damit beeinflusst vom hugenottischen Frankreich. Reformierte Familien fanden hier zwar zeitweise Rückhalt, gerieten aber zunehmend unter Druck – sowohl durch die spanische Inquisition als auch später durch die französische Expansion unter Ludwig XIV.

Für reformierte Familien wie die unsrige bedeutete das einen ständigen Existenzkampf. Als der Große Kurfürst nach 1685 sein Potsdamer Edikt erließ und zur Niederlassung in Brandenburg einlud, ergriffen viele die Gelegenheit zur Ausreise – darunter unsere Vorfahren, die um 1700 in Klein Ziethen ankamen und dort als Ouhart in die Kolonieliste eingetragen wurden.

Jahrhunderte der Verfolgung

Bartholomäusnacht 1572
François Dubois: „Le massacre de la Saint-Barthélemy“, um 1584 – bekannteste Darstellung der Nacht vom 24. August 1572.

Die Beziehung zwischen Katholiken und Hugenotten im Frankreich des 16. Jahrhunderts war ein offener Konflikt. Acht Hugenottenkriege erschütterten das Land zwischen 1562 und 1598. Der tiefste Einschnitt war die Bartholomäusnacht vom 24. August 1572, in der in Paris und anderen Staedten mehrere tausend Hugenotten in einem organisierten Massaker ermordet wurden.

Erst das Edikt von Nantes 1598 beendete den offenen Krieg. König Heinrich IV. – selbst zum Katholizismus konvertierter Hugenotte – sicherte seinen einstigen Glaubensgenossen umfangreiche Rechte zu: freie Religionsausübung in festgelegten Orten, Zugang zu allen Ämtern, eigene Schutzstädte mit Garnisonen.

Für fast 90 Jahre lebten die Hugenotten danach in einer prekären, aber legalen Situation. Doch Heinrichs Enkel Ludwig XIV. sah in dieser Doppelkonfessionalität ein Hindernis für seinen Absolutismus. Schon in den 1670er Jahren nahmen Schikanen zu: Dragonaden – Einquartierungen brutaler Dragonersoldaten in hugenottischen Haushalten – sollten die Menschen zur Konversion zwingen. Zehntausende beugten sich, viele zum Schein.

Die große Fluchtwelle

Am 18. Oktober 1685 unterzeichnete Ludwig XIV. in Fontainebleau das Widerrufs-Edikt. Damit endete die hugenottische Existenz in Frankreich offiziell: Kirchen wurden zerstört, Pastoren vertrieben, der Glaubenswechsel zum Katholizismus wurde Pflicht. Die Auswanderung wurde verboten, wer dabei erwischt wurde, kam auf die Galeeren.

Trotzdem flohen zwischen 1685 und etwa 1720 rund 200.000 bis 400.000 Hugenotten aus Frankreich – unter Lebensgefahr, oft nachts über die Grenzen, in Waldgebiete und über Schmugglerrouten. Ihre Ziele waren die Schweiz, die Niederlande, England, Skandinavien, die preußischen Staaten – und über den Atlantik auch die nordamerikanischen Kolonien.

Schweiz
ca. 60.000
Niederlande
ca. 50.000
England
ca. 50.000
Brandenburg-Preußen
ca. 20.000
Nordamerika
ca. 2.000
weitere Staaten
ca. 20.000
Hugenottenvertreibung aus Frankreich
Zeitgenössische Darstellung der hugenottischen Flucht – meist zu Fuß, nachts, unter Lebensgefahr.

Das Potsdamer Edikt

Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst
Friedrich Wilhelm (1620–1688), Kurfürst von Brandenburg – Unterzeichner des Potsdamer Edikts.

Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, später der Große Kurfürst genannt, reagierte mit bemerkenswerter Schnelligkeit: Nur 14 Tage nach dem Edikt von Fontainebleau erließ er am 29. Oktober 1685 das Edikt von Potsdam. Darin lud er alle verfolgten Hugenotten ein, sich in seinen Ländern niederzulassen.

Die Bedingungen waren konkret und großzügig:

Steuerbefreiung
Zehn Jahre von allen Abgaben befreit
Bau­material
Kostenloses Bauholz und Bauland
Zollfreiheit
Habe durfte ohne Zoll mitgeführt werden
Glaubens­freiheit
Gottesdienst in eigener Sprache
Selbst­verwaltung
Eigene Gerichte, eigene Schulen
Bürgerrechte
Sofortige Gleichstellung mit Einheimischen

Hinter der Großzügigkeit stand kein humanitärer Idealismus, sondern kluge Bevölkerungspolitik. Brandenburg hatte durch den Dreißigjährigen Krieg bis zu zwei Drittel seiner Bevölkerung verloren. Ganze Landstriche lagen brach, Handwerk und Handel waren zusammengebrochen. Der Kurfürst brauchte Menschen – insbesondere qualifizierte Menschen.

Die Flucht-Route in die Uckermark

Karte der wichtigsten Fluchtrouten der Hugenotten nach 1685
Die wichtigsten Fluchtrouten der Hugenotten nach 1685. Die Route der Familie Ouart vom Hennegau über die Niederlande nach Brandenburg ist rot hervorgehoben.

Vom Hennegau bis Klein Ziethen sind es rund 1.000 Kilometer Luftlinie. Die tatsächliche Wegstrecke war deutlich länger – die Hugenotten reisten nicht geradlinig, sondern bewegten sich entlang einer Kette hugenottischer Stützpunkte und reformierter Gemeinden.

Eine typische Flucht-Route führte von den spanischen Niederlanden zunächst in die Vereinigten Niederlande (heute Niederlande), wo die Reformierten sicher waren. Von dort ging es über Emden, Bremen und Hamburg in die protestantischen Teile des Heiligen Römischen Reiches. In Brandenburg-Preußen wurden die Flüchtlinge in sogenannten Sammelorten registriert – meist in Berlin oder Magdeburg – und von dort aus auf die verschiedenen Kolonien verteilt.

Die Reise konnte Wochen oder Monate dauern. Viele kamen mit nichts als dem, was sie am Leib trugen. Andere brachten Werkzeuge, Saatgut und das wichtigste aller Güter: ihr Wissen – als Weber, Strumpfwirker, Händler, Gärtner, Gelehrte.

Die Gründung der Kolonie Klein Ziethen

Dorfkirche Klein Ziethen
Die Dorfkirche in Klein Ziethen – heute noch zentraler Punkt des Ortes.

Klein Ziethen lag nach dem Krieg faktisch im Niemandsland. Die ursprünglichen Bewohner waren tot, geflüchtet oder verschleppt. Ackerland lag brach, Häuser waren zerfallen. Als der Kurfürst die Kolonie um 1700 für die hugenottischen Flüchtlinge öffnete, fanden sie einen leeren Ort vor, den sie nach ihren eigenen Vorstellungen aufbauen konnten.

Die reformierte Kirche stand im Zentrum des Dorfes – ein typischer Bautyp mit schlichter Fassade, ohne die katholisch-barocke Opulenz. Gehorcht wurde dem Konsistorium, nicht dem lutherischen Superintendenten. Gepredigt wurde zunächst auf Französisch, und erst ab dem späten 18. Jahrhundert schrittweise auf Deutsch.

In der Kolonieliste von 1700 sind die Gründer verzeichnet: Bellet, Benoist, Burlos, Canon, Charlet, Cornet, Defrene, Dehon, Derfin, Dieur, Doyé, de Frise, Fosse, Gaufrié, Gautrié, Guerost, Guilbert, Herman, Laurent, Lienart, Leféfe, Mension, Mercier, Nain, Miquet, Ouhart, Orbain, Perrot, Raviat, Ruel, Sammé, Suisse, Supply, Therein, Vattiaur, Vilain, Villemin, Villmart. Jeder dieser Namen steht für eine Familie, die ihre Heimat verlor und in Brandenburg neu anfing.

Was die Hugenotten Brandenburg brachten

Hugenottische Weberei
Hugenottische Weberei – einer der Berufe, den die Réfugiés nach Brandenburg brachten.

Der Zuzug von rund 20.000 Flüchtlingen in eine zuvor halb entvölkerte Region war kein leiser Vorgang. Er veränderte Brandenburg wirtschaftlich, kulturell und sprachlich nachhaltig.

Handwerk und Manufaktur

Die Hugenotten brachten Berufe, die es in Brandenburg bis dahin nur eingeschränkt gab: Seiden- und Samtweberei, feine Tuchherstellung, Strumpfwirkerei, Spiegelmanufaktur, Uhrmacherei, Hutmacherei, Goldschmiedekunst, Bijouterie. In Berlin gründeten sie ganze Stadtviertel mit eigenen Werkstätten – die Françösische Friedrichstadt war so ein Beispiel. Um 1700 war etwa jeder fünfte Berliner hugenottischer Herkunft.

Gartenbau und Küche

Mit den Hugenotten kamen Pflanzen und Zubereitungsarten, die vorher in Brandenburg unbekannt waren: Blumenkohl, Artischocken, Spargel, Weintrauben, feine Salate, weiche Käsesorten. Die Uckermark wurde zum Obstbauland. In den östlichen Vororten Berlins entstanden große Gemüsegärten, die bis ins 20. Jahrhundert die Hauptstadt versorgten.

Tabakanbau in der Uckermark

Die wichtigste landwirtschaftliche Neuerung der Hugenotten in der Uckermark war jedoch der Tabak. In ihren Herkunftsregionen war der Tabakanbau bereits etabliert; sie brachten Saatgut, Anbautechnik und das Wissen um Trocknung und Fermentation mit. In den hugenottischen Kolonien rund um Klein Ziethen, Groß Ziethen, Brodowin und Schwedt entwickelte sich daraus ein eigener Wirtschaftszweig. Schwedt wurde später zum Zentrum des Brandenburger Tabakhandels – eine direkte Folge der hugenottischen Einwanderung. Bis ins späte 20. Jahrhundert wurde in der Uckermark Tabak angebaut.

Bildung und Wissenschaft

Die reformierten Schulen der Hugenotten waren bekannt für ihr Niveau. Viele Kinder der Kolonien bekamen eine Ausbildung, die den einheimischen lange voraus war. Aus diesen Schulen gingen ganze Generationen von Gelehrten, Theologen, Juristen und Beamten hervor, die Preußen im 18. und 19. Jahrhundert entscheidend prägten.

Sprache

Viele Begriffe, die heute im Deutschen selbstverständlich sind, kamen mit den Hugenotten: Budget, Bouletten, Boutique, Etage, Balkon, Parterre. In der Berliner Mundart haben sich bis heute Restbestände gehalten.

Die zweite Flucht – nach Amerika

Auswanderung nach Amerika
Auswanderung in die USA – eine zweite, wirtschaftlich motivierte Wanderbewegung im 19. Jahrhundert.

Nicht alle Nachkommen der Hugenotten blieben in Brandenburg. Im späten 18. und im 19. Jahrhundert gab es eine zweite Auswanderungswelle – diesmal meist wirtschaftlich motiviert, nicht religiös. Ziel waren vor allem die USA.

Auch unsere Familie hat diese Bewegung mitgemacht: Aus dem Klein Ziethener Familienzweig ging eine amerikanische Seitenlinie hervor, die sich bis heute verfolgen lässt. Der Weg der Hugenotten setzte sich damit über weitere Generationen fort, nur unter umgekehrten Vorzeichen: nicht mehr aus religiöser Not, sondern aus Hoffnung auf wirtschaftliche Chancen.

Die Uckermark heute

Gedenkstein für den Stammesvater
Der Gedenkstein in Klein Ziethen, eingeweiht am 6. Oktober 1963.

Wer heute in die nördliche Uckermark fährt, findet viele der alten Hugenotten-Orte noch. In Klein Ziethen steht der Gedenkstein, den die Familie 1963 für den Stammesvater einweihen ließ. Die Dorfkirche von Groß Ziethen und die hugenottischen Spuren in Brodowin, Parstein und Angermünde lassen sich bis heute verfolgen.

Viele der alten Namen aus der Kolonieliste sind in der Region noch geläufig – teils in ihrer ursprünglichen Schreibung, teils eingedeutscht. Aus Vilain wurde Villain, aus Ouhart Ouart. Die Sprachen sind verschwunden, die Kirchen stehen zum Teil noch, die Namen tragen die Geschichte weiter.

Brandenburg hat diesen Teil seiner Geschichte lange vergessen und neu entdeckt. Seit einigen Jahren gibt es wieder Hugenottentage, Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen. Die Hugenottenstrasse – ein touristischer Weg durch die alten Kolonieorte – lässt sich zu Fuß oder mit dem Rad erkunden.

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